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Die Wut auf den Westen

Brotkrümmel :: www » de » Blog » 2005 » Ian Buruma

Der folgende Auszug stammt aus einem Gespräch, das die Zeit mit Ian Buruma* über die Aussichten, den Kampf gegen den Terror zu gewinnen, am 14. juli 2005 weitergab:

Buruma: ... Osama bin Laden hat seine Ziele klar formuliert. Er will den ungläubigen Westen angreifen. Für ihn sind muslimische Länder im Nahen Osten, vor allem Saudi-Arabien, durch den Westen korrumpiert. Der Heilige Krieg soll das ändern.

ZEIT: In Ihrem Buch, dass Sie mit Avishai Margalit verfasst haben, bezeichnen Sie diesen Hass als »Okzidentalismus«, als ideologisches Zerrbild vom Westen. Will dieser hinter die Moderne zurück?

Buruma: Okzidentalismus ist nicht nur der Traum, achthundert Jahre zurück in die Vergangenheit zu gehen. Es ist eine gefährliche Reaktion auf die Moderne. Genauso wie Faschismus und Sozialismus.

ZEIT: Warum zeigt sich dieser Hass erst nach dem Ende des Kalten Krieges, nach dem Mauerfall?

Buruma: Der Fall der Mauer ist Teil der Erklärung. Der Erfolg der Mudschahedin in Afghanistan, die Vertreibung der Sowjets, war für islamische Fundamentalisten äußerst ermutigend. Heute ist die überwältigende Macht der USA für sie extrem irritierend, vor allem für die jungen Leute im Nahen Osten. Ich erkläre mir das so: Die relative Rückständigkeit vieler arabischer Länder mit ihren autoritären Regimen produziert enorme Unzufriedenheit. Die modernen Kommunikationssysteme verschaffen den Menschen ein drastisches Bewusstsein ihrer Lage, das heißt: Sie fühlen ihre Rückständigkeit tiefer als früher. Hinzu kommen die Migrationserfahrungen in westeuropäischen Ländern. Sobald diese Erfahrungen mit den Problemen amalgamiert werden, die die muslimischen Migranten in ihrer Heimat gerade hinter sich gelassen haben, entsteht eine brandgefährliche Situation, womöglich eine revolutionäre Bewegung. Während der religiöse Fundamentalismus zu alten Glaubensinhalten zurückwill, entwickelt der revolutionäre Okzidentalismus zerstörerische Fantasien.

ZEIT: Was provoziert diesen Hass gegen den Westen?

Buruma: Es ist eine Geschichte wie im Film. Der Junge vom Land verlässt sein Dorf, verführt von den Lichtern der Großstadt. Dort ist er mutterseelenallein. Jeder lügt ihn an, jeder beutet ihn aus. Er sieht den Reichtum um ihn herum, all die attraktiven Frauen. Am Ende fühlt er sich gedemütigt und sinnt auf Rache. Natürlich ist das nur ein Bild, aber es trifft das Lebensgefühl vieler Menschen – das Gefühl, vom Reichtum und den Freiheiten der Moderne ausgeschlossen zu sein. Im Gegenzug träumt man den Traum vom Sichverlieren in einer kollektiven Identität. Andere lassen sich zu mörderischen Fantasien hinreißen. Sie wollen zerstören, was sie so hassen.

Am Ende des Artikels wird Hr. Buruma so zitiert:

Wir sagen nicht, alle Zivilisationskritik sei schlecht oder gar Okzidentalismus. Okzidentalismus entsteht, wenn die Ablehnung des Westens so extrem ist, dass sie zur Gewalt führt. Keinesfalls möchte ich den deutschen Idealismus verdammen. Es gibt darin hoch interessante Ideen, und Avishai Margalit und ich wären die Letzen, die behaupten würden, diese Ideen hätten direkt in die Nazi-Ideologie geführt.

Quelle ...

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